trans*geniale f_antifa (t*gf_a)?

Antifa, weil Nazis und die Zustände, die ihre Ideologie möglich machen noch immer abgeschafft gehören.
F_, weil Feminismus nicht nur heißt, das Patriarchat kaputtzumachen, sondern auch andere Herrschaftsverhältnisse mitzudenken und zu sabotieren.
Trans*genial, weil immer noch viel zu viele Leute glauben, es gäbe nur zwei Geschlechter und wir diese Behauptung wegglitzern werden.

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Inhalt

Einleitende Worte
f_antifa?
trans*genial?
Antifa?
Neonazis in Berlin
Frauen* in der Nazi-Szene
Postkoloniale Analyse
Gegen Klassismus & Wissensbarrieren
Barrieren, Ableismus & Pathologisierungen
Queer Edge & Sober Spaces
Sex-Positivität & Asexualität
Gegen Feminitäts-Feindlichkeit. Für Femme-Respekt.
Volume is Power. Gegen Fat Shaming.
Aussehen und Schönheitsnormen
Weil das Wünschen nicht geholfen hat …
Zum Weiterlesen
Fußnoten

Einleitende Worte

Wir sind einige Menschen aus Berlin und wir sind wütend. Verdammt wütend sogar. Unsere Wut hat verschiedene Gründe. Denn wir haben unterschiedliche Hintergründe und verschiedene Erfahrungen. Während manche von uns von Cis-Sexismus1 betroffen sind, haben andere Klassismus erlebt. Von Sexismus2 sind wir alle in unterschiedlicher Form betroffen. Wir verorten uns alle mehr oder weniger in der Radikalen Linken und haben keine Lust mehr darauf, dass die linke Szene sich einerseits den Kampf gegen Diskriminierung auf die Fahnen schreibt und andererseits selbst etliche Ausschlüsse produziert, die kaum oder gar nicht beachtet, geschweige denn kritisch reflektiert und abgebaut werden. Und weil wir vor allem keine Lust mehr darauf haben, mit unserer Wut alleine zu sein, haben wir uns organisiert und dem Ganzen einen Namen gegeben: trans*geniale f_antifa.

Unser Selbstverständnis befindet sich ständig im Wandel und ist unter anderem abhängig von der aktuellen Zusammensetzung der Gruppe. Positionen können sich ändern und neue Aspekte dazukommen. Deshalb begreifen wir diesen Text nicht als abgeschlossenes Projekt, sondern als Momentaufnahme.

f_antifa?

In den 1990er Jahren entstanden Fantifa-Gruppen, also feministische Antifa-Gruppen. Oft waren sie eine Antwort auf die Dominanz von Cismännern3 in Antifa-Strukturen. Die meisten Gruppen organisierten sich separat – das heißt ohne Cis-männer – um einen Raum zu schaffen für solidarisches Handeln gegen Sexismus und Mackertum in antifaschistischen Zusammenhängen. Heute gibt es kaum noch Fantifa-Gruppen. Das wundert uns ehrlich gesagt ein wenig. Denn wir sehen auch heute die Notwendigkeit, in der Antifa-Szene (und der Radikalen Linken im Allgemeinen) gegen sexistische Kackscheiße aktiv zu werden. Vieles von dem, was Fantifa-Gruppen mühsam erkämpft haben, wird heute in Frage gestellt. Wir denken dabei beispielhaft an die in unregelmäßigen Abständen aufkommende Kritik am Konzept der Definitionsmacht4 (kurz: Defma). Defma stellt für uns einen unverzichtbaren Teil von antisexistischer Praxis dar, auch wenn es unserer Meinung nach durchaus berechtigte Kritikpunkte an der praktischen Umsetzung der Defma gibt5. Das Konzept der »Community Accountability« sehen wir als sinnvolle Ergänzung, beziehungsweise Weiterentwicklung von Defma.

Wir haben den Unterstrich in f_antifa ergänzt, um zu verdeutlichen, dass wir Feminismus (das »F« in »Fantifa«) immer noch richtig, wichtig und gut finden, aber darüber hinausgehen wollen. Der Unterstrich soll – ähnlich wie das Gender_Gap6 – Platz schaffen für alles, was uns in Bezug auf Feminismus und Antifa wichtig ist, zum Beispiel die Infragestellung der Zweigeschlechtlichkeit oder das Sichtbarmachen von nicht-binären Geschlechtsidentitäten.

trans*genial?

Soweit uns bekannt ist, bestanden Fantifa-Gruppen immer aus Frauen*7 und organisierten sich ohne Cismänner. Auch wir haben uns für eine separate Organisierung ohne Cismänner entschieden. Wir beziehen uns allerdings nicht auf ein altbackenes Verständnis von Feminismus, das der männlichen Dominanz eine feministische ›Weiblichkeit‹ als Alternative gegenüberstellt. Vielmehr streben wir danach, Geschlecht als Ganzes in Frage zu stellen. Das soll aber nicht heißen, dass wir davon ausgehen, es gäbe keine geschlechtsspezifische Unterdrückung. Wir leben immer noch in einer patriarchalen Gesellschaft, die systematisch Männer* privilegiert und Frauen* benachteiligt. Für uns kann es aber letzten Endes nicht darum gehen, Frauen* in Machtpositionen zu befördern oder ein Matriarchat zu errichten. Wir möchten in einer Gesellschaft leben, die sich endlich vom Modell der Zweigeschlechtlichkeit verabschiedet. Es gibt schon heute mehr als zwei Geschlechter und wenn es nach uns ginge, dann sollten alle Konzepte von Geschlechtsidentitäten ohne Gewalterfahrungen lebbar sein. Deshalb sind wir als Gruppe offen für Personen, die sich als trans* oder inter* definieren.

Antifa?

Antifaschismus heißt für uns weit mehr, als gegen Nazis zu sein. Die ehemaligen Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald formulierten nach ihrer Befreiung im April 1945 einen Schwur: »Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.« Diesem Schwur fühlen wir uns verpflichtet. Wir ziehen daraus die Konsequenz, nicht nur alte und neue Nazis aktiv in ihren Handlungsspielräumen einzuschränken, sondern auch die Zustände zu bekämpfen, die es überhaupt erst ermöglichen, dass es faschistische und nationalsozialistische Bewegungen gibt.

Dieser Kampf beinhaltet neben dem Gedenken an die Shoah8 und alle anderen nationalsozialistischen Verbrechen vor allem die Erinnerung an den Widerstand gegen Nationalsozialismus und deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Einen besonderen Fokus legen wir dabei auf die Jüdischen Partisaninnen, die vor allem in Osteuropa gegen die antisemitische Vernichtungspolitik der Nazis kämpften. Wir wollen den Kampf der Jüdischen Frauen* hervorheben, da sie auch in der antifaschistischen Geschichtsschreibung aufgrund der doppelten Stigmatisierung als Frauen* und als Jüdinnen oft unbeachtet blieben und bleiben. Wir möchten das ändern, indem wir an ihren mutigen Einsatz für die Befreiung vom Nationalsozialismus erinnern und ihre Taten würdigen. Egal ob sie als Kurierinnen Waffen transportierten, Jüdische Kinder vor der Deportation bewahrten, falsche Pässe für verfolgte Jüdinnen_Juden besorgten, oder als Partisaninnen in den Wäldern und den Ghettos in Osteuropa oder den Straßen Frankreichs gegen die Deutschen und ihre Helfer_innen kämpften.

Wir wollen auch an die oft ›vergessenen‹ – oder besser: verdrängten – Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Dazu zählen unter anderem Rom_nja, Sinti_ze und Jenische, Lesben und Schwule, Angehörige von religiösen Minderheiten, als ›asozial‹ Verfolgte, sowie als ›chronisch krank‹ und ›behindert‹ Stigmatisierte.

Neonazis in Berlin

Die Bekämpfung von Neonazis sehen wir als einen wichtigen Teil von praktischem Antifaschismus. Deshalb finden wir es wichtig, über die Naziszene in Berlin zu informieren und sie aktiv in ihren Handlungsspielräumen einzuschränken. Einen fundierten Überblick über die Situation in Berlin bietet die Recherche-Broschüre »Fight Back«.

Frauen* in der Nazi-Szene

Fantifa-Gruppen haben damit begonnen, Frauen* in der Nazi-Szene nicht ›als Freundin von …‹, als ›Anhängsel‹ oder als ›Mitläuferinnen‹ zu betrachten, sondern sie als Akteurinnen zu benennen und ihre Ideologie offenzulegen. Damit haben Fantifas antifaschistische Analyse und Recherchearbeit weiterentwickelt. Auf diese Arbeit möchten wir uns auch heute beziehen. Die Broschüre »Fight Back #4« aus dem Jahr 2009 fasst das Frauen*bild der Naziszene so zusammen: »In Anlehnung an eine mythisierte ›germanische‹ Geschlechterordnung, in welcher die Frau dem männlichen Kämpfer als ›gleichwertiges‹, aber nicht gleichberechtigtes Wesen zur Seite zu stehen habe, stehen die Emanzipation der Frau wie auch staatliche Gleichstellungsprogramme in der Kritik. Im Zentrum des Selbstverständnis extrem rechter Frauen steht nach wie vor ihre ›natürliche‹ Aufgabe als Mutter, ›lieblich oder seelisch‹ zu sein (Mädelgruppe KS-Tor). Die Frauen sehen sich als verantwortlich für kulturelle Arbeit und den Bereich der Versorgung […].« Es wird jedoch auch festgehalten: »Frauen und Mädchen spielen in der Neonaziszene bei weitem keine untergeordnete Rolle mehr und wissen sich derzeit sowohl in rein weiblichen als auch gemischtgeschlechtlichen Zusammenhängen zu behaupten.«

Postkoloniale Analyse

Als F_antifas möchten wir in unserer politischen Praxis eine postkoloniale Analyse miteinbeziehen. Dies bedeutet, dass wir anerkennen, dass kolonial-rassistische Bilder und Ideen in alle Bereiche unserer Gesellschaft eingeschrieben sind. Sie wirken seit der Kolonialzeit bis heute fort und durchdringen unreflektiert unser Denken, Wahrnehmen und Handeln. Ihnen zugrunde liegt die Annahme einer vermeintlich abendländisch-weißen Überlegenheit gegenüber Menschen, die hiervon ausgeschlossen und als nicht zugehörig betrachtet werden. Mit dieser Annahme werden Konstrukte von einem »wir« und einem »die anderen« geschaffen und unsere jetzigen Herrschafts- und Machtverhältnisse, Normen und Werte bestimmt. All dies begünstigt und rechtfertigt Rassismus. In unserer politischen Arbeit möchten wir rassistische Bilder und Ideen kritisch analysieren, ihre kolonialen Einschreibungen in unsere gesellschaftlichen Verhältnisse sichtbar machen und sie damit de-kolonisieren. Wegweisend für uns wird hierbei immer die Widerstandsgeschichte von Womyn9 und Trans* of Color10 sein. Denn es waren und sind ihre Kämpfe gegen Gewalt, Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung, die unsere gesellschaftlichen Verhältnisse radikal verändert haben und sie weiter verändern werden. Ihre Geschichte ist die Geschichte von Aneignung, Widerstand und Befreiung. Als F_antifas möchten wir an ihre Geschichte erinnern, sie weitererzählen und uns selbst und allen Mut machen, zu schreiben, zu handeln, zu kämpfen, sich zu organisieren und zu befreien. In der Praxis bedeutet das unter anderem auch, die Kämpfe von Geflüchteten gegen Residenzpflicht, Lagerunter-bringung und alltäglichen Rassismus solidarisch zu unterstützen.

Gegen Klassismus & Wissensbarrieren

Das Thema Geschlecht betrifft alle Menschen. Jeden Tag bestimmt es unsere gesellschaftliche Realität. Trotzdem ist es nur eine kleine Elite an den Universitäten, die sich mit theoretischer Kritik an den Geschlechterverhältnissen unserer Gesellschaft beschäftigt. In linken Räumen werden Diskussionen häufig mit dieser elitären akademischen Sprache geführt. Jedoch wird damit ein neuer akademischer Raum geschaffen, von welchem viele Menschen von vornherein ausgeschlossen sind. Denn Klassen- und Bildungsprivilegien, Wissensbarrieren und Zugangsschwierigkeiten zu diesen Räumen bleiben häufig unhinterfragt. Wir wünschen uns, dass alle Menschen an Diskussionen und Debatten teilhaben und Geschlechterpolitik machen können. Wir versuchen daher eine anti-akademische politische Praxis unserer Arbeit zu schaffen. Unser Anspruch ist es, dass unsere Texte und Beiträge für möglichst alle zugänglich sind. Einige Texte verfassen wir deshalb auch in Leichter Sprache. All dies ist für uns ein Lernprozess, den wir anstoßen möchten, weil wir keinen neuen akademischen Herrschaftsraum brauchen. Wir sind gegen Klassismus!

Barrien, Ableismus & Pathologisierungen

Die Anzahl linker Locations in Berlin, die mit dem Rollstuhl erreichbar sind, ist sehr überschaubar. Die Zahl der Orte, an denen zusätzlich ein rollstuhlgerechtes Klo vorhanden ist, ist noch geringer. Doch selbst rollstuhlgerechte Räume sind oft weit davon entfernt, ›barrierefrei‹ zu sein. Es gibt beispielsweise so gut wie nie Übersetzung in Gebärdensprache; Ausnahmen bilden die Mad & Disability Pride Parade im Juli 2013 oder der transgeniale CSD. Leichte Sprache ist vielen auch immer noch ein Fremdwort und der Begriff Ableismus11 setzt sich nur langsam durch.

Auch andere Barrieren werden selten mitgedacht. Beispielsweise werden Menschen benachteiligt, die sich um Kinder kümmern müssen, zum Beispiel durch fehlende Kinderbetreuung bei Veranstaltungen oder dadurch, dass Treffen oft zu Uhrzeiten anfangen, wenn die Kinder gerade ins Bett gehen oder bereits schlafen. Zudem gibt es strukturelle Ausschlüsse von Menschen mit »unsichtbaren (chronischen) Krankheiten und Behinderungen«. Wenn eine Person beispielsweise aus gesundheitlichen Gründen, die nicht offensichtlich erkennbar sind, nur wenige Kapazitäten für die Arbeit in einer linken Gruppe hat, passiert es nicht selten, dass diese Person den Anschluss an die Gruppe verliert, weil sie aus Sicht der Gruppe zu wenig ›leistet‹. Wir streben eine Art der Organisierung an, bei der sich alle ihren körperlichen und psychischen Kapazitäten entsprechend einbringen können und bei der auf die Bedürfnisse jeder einzelnen Person Rücksicht genommen wird.

In der linken Szene sind Begriffe wie »Trans*phobie« oder »Homophobie« weit verbreitet. Das sehen wir sehr kritisch. Denn bei einer Phobie ist die Angst vor etwas Auslöserin für Panik. Eine gewaltvolle, diskriminierende Handlung als Phobie zu bezeichnen, bedeutet, die Gewalt mit der Panik zu entschuldigen. Das ist eine Verharmlosung von diskriminierender Gewalt. Außerdem finden wir es ableistisch, Diskriminierung und Hass als »Phobie« zu bezeichnen, weil damit Menschen mit Phobien mit dem gleichen Wort bezeichnet werden, wie Leute, die diskriminierende Gewalt ausüben. Deshalb setzen wir uns dafür ein, diejenigen -phobie-Begriffe, die Hass und Diskriminierung bezeichnen, durch andere Wörter zu ersetzen.12

Ein weiterer wichtiger Punkt ist für uns der Kampf gegen Pathologisierung13 von Trans*menschen. Denn noch immer wird Trans*sein im ICD-1014, aufgeführt und als psychische ›Störung‹ bezeichnet. Auch im DSM-515 – auf das sich weltweit bezogen wird – wird Trans*sein als psychische ›Störung‹ benannt. Diese »Diagnose« gehört – genau wie alle anderen Pathologisierungen – abgeschafft. Dabei muss sichergestellt werden, dass die Kosten für geschlechtsangleichende Maßnahmen weiterhin durch die Krankenkassen finanziert werden.16

Queer Edge & Sober Spaces

Leider wird in der Radikalen Linken bis heute nicht wirklich über »Sober Spaces« (drogenfreie Räume) nachgedacht. Es gibt hier und da mal einen Straight-Edge-Tresen oder den »Tresen ohne Drogen«. Aber bisher gibt es keine offene und breite Diskussion darum, dass Räume, in denen geraucht und/oder Alkohol getrunken wird, für bestimmte Menschen aus den verschiedensten Gründen nicht zugänglich sind. Sei es, weil sie Asthmatiker_innen, Allergiker_innen oder schlicht Nichtraucher_innen sind und Zigarettenrauch nicht einatmen wollen, sei es weil sie traumatische Erfahrungen mit Drogenkonsum (einschließlich Alkohol) gemacht haben oder sich einfach in Gegenwart von trinkenden/betrunkenen Menschen unwohl und nicht sicher fühlen. Wir wollen, dass alle Menschen über ihren Körper selbst bestimmen können. Dazu zählt für uns auch, dass Menschen rauchen und trinken können, soviel sie wollen. Wo aber Rauchen oder Trinken andere Leute daran hindert, sich in linken Räumen aufhalten zu können, sehen wir eine Grenze überschritten. Linke Räume müssen endlich für mehr Leute zugänglich werden. Dafür ist es unserer Meinung nach unverzichtbar, dass ausschließlich draußen geraucht wird. Zudem sollte verstärkt über alkoholfreie Veranstaltungen und Räume nachgedacht werden. Projekte wie der »Tresen ohne Drogen« oder das xWOHNZIMMERx sind unserer Meinung nach ein guter Anfang. Eine Diskussion über »Sober Spaces« steht allerdings noch aus und ist unserer Meinung nach längst überfällig.

Sex-Positivität & Asexualität

Wir sehen viel Gutes darin, dass sex-positive Positionen in der queer-feministischen Szene Anerkennung finden. Leider trägt eine allzu offen geäußerte Sex-Positivität zu einem gesellschaftlichen Klima bei, das Asexualität unsichtbar macht oder gar leugnet. Asexuelle Menschen17 werden in dieser Gesellschaft strukturell diskriminiert und erfahren diese Benachteiligung leider auch in der queer-feministischen Szene. Wenn beispielsweise auf diversen Lady-Festen mehr als die Hälfte der angebotenen Workshops irgendetwas mit Sex zu tun hat und nicht selten auch Sex-Partys organisiert werden, führt dies zu einer Atmosphäre, in der es uns nicht verwundert, dass Asexuelle sich fragen (müssen), ob sie in der queer-feministischen Bewegung überhaupt willkommen sind. Wir wollen so wenig Ausschlüsse wie möglich produzieren und stehen deshalb dafür ein, Sex-Positivität auf der einen Seite als befreiendes Moment einer sexuellen Emanzipation (vor allem von Frauen_Lesben_Inter_Trans*) zu sehen; aber auf der anderen Seite auch darauf zu achten, dass sex-positives Empowerment nicht zu einer neuen Norm beiträgt, die Asexuelle stigmatisiert, weil sie uns einredet, mit besonders vielen Menschen, besonders abgefahrenen Sex haben zu müssen. Vielmehr müsste es darum gehen, dass Sex-Positivität auch beinhaltet, keinen Sex zu haben. Denn schließlich heißt Sex-Positivität für uns vor allem: so viel Sex zu haben mit wem ich will. Und das bedeutet auch: kein Sex mit irgendwem.

Gegen Feminitäts-Feindlichkeit. Für Femme-Respekt.

Der Sexismus in der Mehrheitsgesellschaft ist für uns mit einer Feindlichkeit gegenüber Feminität und damit gegenüber Frauen* und feminin auftretenden Personen verbunden. So werden Frauen* im öffentlichen Leben permanent diszipliniert, wenn sie in ihrer Rolle nicht feminin genug auftreten. Gleichzeitig werden sie über ihre Feminität auf ihr Geschlecht reduziert. Frauen* und feminin auftretende Personen werden belächelt, ignoriert, überheblich behandelt und abgewertet. Ihnen wird Irrationalität unterstellt, ihre Wahrnehmung nicht ernst genommen oder ihnen kein Raum in Diskussionen gegeben. Dies sind die vielfältigen Formen der sexistischen Diskriminierung im Patriarchat.

Auch in der linken (Queer-) Szene werden feminin auftretende Personen und Frauen* so behandelt. Dies ist für uns eine Reproduktion der Gewaltverhältnisse des Patriarchats. Wir kämpfen für eine Gesellschaft der Geschlechtervielfalt. Menschen sollen die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, wie sie auftreten, wie sie sein möchten und wie sie kämpfen wollen, ohne dafür Gewalt zu erfahren. Hierzu gehört für uns, dass respektiert werden muss, dass Menschen feminin auftreten. Feminität bedeutet für uns Vielfältigkeit, Mut, Stärke, Aneignung, Widerstand. Und sie ist für uns kein Widerspruch zu queer-feministischer Politik. Einige Queers treten feminin auf und wir fordern für sie, für uns und für alle Frauen*: Respekt!

Volume is Power. Gegen Fat Shaming

In dieser Gesellschaft gelten so genannte ›dünne‹ Körper als schön und begehrenswert. Menschen, die dieser Norm nicht entsprechen und als ›dick_fett‹ eingeordnet werden, sind deshalb von Diskriminierung betroffen. Dafür benutzen wir den Begriff ›Fat Shaming‹, weil Scham hierbei eine zentrale Rolle spielt. Denn dicken_fetten Menschen wird ständig eingeredet, sie müssten sich für ihren Körper schämen. Oft merken dünne Menschen gar nicht, welche Privilegien sie haben aufgrund der Tatsache, dass sie als ›dünn‹ gelten. Diese Privilegien zu hinterfragen und eine Debatte darüber anzustoßen, ist uns sehr wichtig. Uns geht es aber auch und vor allem darum, infrage zu stellen, dass dick_fett sein als Makel und Problem gilt. Außerdem finden wir es falsch, dass dick_fett sein häufig mit Krankheit assoziert wird. Das Problem sind nicht unsere dicken_fetten Körper, sondern die gesellschaftliche Norm, die dünn sein als Ideal darstellt. Dies passiert leider auch in der Radikalen Linken und der Queer-Szene. Auf Postern, Flyern oder Transparenten sind dicke_fette Personen so gut wie nicht präsent. Deshalb ist es uns wichtig, uns als dicke_fette Menschen selbst zu ermächtigen und zu zeigen, dass wir da sind. Denn: Volume is Power!

Aussehen und Schönheitsnormen

Schönheitsideale sorgen dafür, eine Norm zu schaffen, wie Menschen in unserer Gesellschaft aussehen sollen: Männer* sollen so_ aussehen und Frauen* so_. Dies wissen häufig Kinder bereits ganz genau. Denn in Schönheitsidealen stecken Erwartungen an unser Aussehen, die wir von klein auf erlernen. Sie legen fest, wie Körper, Kleidung und Verhalten von Frauen* und Männer* in unserer Gesellschaft sein sollen. Dies wiederum beeinflusst uns häufig unbewusst darin, wie wir auch tatsächlich sein wollen. Menschen aber, die keinen Norm-Körper, keine Norm-Kleidung und kein Norm-Rollenverhalten haben wollen und/oder können, erfahren oft Ungleichbehandlung, Ausgrenzung und Gewalt. Menschen, die dagegen Schönheitsidealen entsprechen, haben häufig Vorteile, erfahren Anerkennung, Bevorzugung. Wir als F_antifas lehnen den Zwang ab, so_ und so_ aussehen zu sollen, so_ und so_ eine Rolle erfüllen zu müssen! Denn dieser Zwang legt unsere Geschlechtsidentitäten fest und sorgt dafür, dass Menschen nur oberflächlich betrachtet werden. Wir aber möchten unsere eigenen Schönheits- und Identitäts-konzepte haben und dafür kämpfen, dass Menschen unterschiedlich sein dürfen und können. Menschen sind mutig, wenn sie sich nach neuen, selbst-angeeigneten Schönheitsidealen richten und damit abseits von einer gesellschaftlichen Norm ihre eigene Identitätspolitik machen. Viele dieser Menschen kommen in Schutzräumen, queeren Räumen zusammen. Wir beobachten allerdings, dass auch dort Menschen wegen ihres Aussehens, Körpers oder Kleidung ausgeschlossen werden oder unsichtbar bleiben. Denn auch in diesen Räumen können ›neu-gemachte‹ Schön-heitsnormen des Aussehen, Körpers und Kleidung herrschen, die Menschen bevorzugen oder ausgrenzen. Auch hier werden Menschen in Schubladen gesteckt. Dies ist um so trauriger, wenn wir uns bewusst machen, dass wir alle Menschen sind, die sich aufgrund der Gewalt und Ausgrenzung in der Gesellschaft neue Räume schaffen wollen, in welchen wir in unserem Aussehen und Körper so verschieden sein können wie wir wollen. Dennoch können nicht alle Menschen gleichermaßen Identitätspolitik über Körperpolitik machen, selbst wenn sie es wollten! Außerdem gibt es für Queerness nicht nur ein einziges Identitätskonzept! Wenn Menschen verschieden sein sollen dürfen, dann muss es unendlich viele Identitätskonzepte geben! Queer ist für uns also nicht (nur) ein Haarschnitt, ein Kleidungsstil oder Glitzer. All dies ist oberflächlich. Queer ist für uns, wie Menschen leben, sich verhalten, sich selbst definieren und ihre sozialen Beziehungen gestalten! Diese Sachen können wir jedoch auf den ersten Blick nicht sehen. Das Aussehen von Menschen ist also relativ und der Zwang Aussehen und Körper einer Norm anpassen zu müssen, ist Gewalt! F_antifa sein bedeutet für uns deswegen: Fight Lookism!

Weil das Wünschen nicht geholfen hat …

Alle Aspekte unseres Selbstverständnisses in der Praxis miteinander zu verbinden, wird sicher nicht einfach sein. Es wird nicht immer möglich sein, alles zu bedenken. Und wir werden es nicht vermeiden können, Fehler zu machen. Es kann und sollte aber unserer Meinung nach nicht unser Anspruch sein, keine Fehler zu machen. Wir werden unsere Widersprüche aushalten müssen und im besten Fall daraus für die Zukunft lernen. Genau auf diese Zukunft sind wir gespannt. Denn es gibt keinen Grund, gelangweilt zu sein. Oder langweilig …

Zum Weiterlesen:

AK moB – Arbeitskreis mit ohne Behinderung
www.ak-mob.org

AKPsychiatriekritik
www.freakoutcrazy.com/akpsychiatriekritik/

Antifa und Männlichkeit
www.antifaundmaennlichkeit.wordpress.com

Antisexismus_reloaded. Zum Umgang mit sexualisierter Gewalt – ein Handbuch für die antisexistische Praxis
78 Seiten | Unrast Verlag | ISBN: 978-3897713017

Class Matters – Blog über Klassismus
www.clararosa.blogsport.de

Fantifa. Feministische Perspektiven antifaschistischer Politiken
196 Seiten | Verlag Edition Assemblage | ISBN: 978-3-942885-30-0

FAT UP – queer-feminist fat_positive_riot group from berlin
www.fatupfeminists.de

Fight Back (Recherche über Nazis in Berlin)
www.antifa-berlin.info/recherche/ausgaben

Internationale Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen (IVIM)
www.intersexualite.de

Jewish Partisan Educational Foundation
www.jewishpartisans.org

Kampagne Stop Trans Pathologization
www.stp2012.info

Netzwerk Leichte Sprache
www.leichtesprache.org

Portal antifaschistischer Initiativen Berlin
www.antifa-berlin.info

Projekt L – Gegen Lookism
www.lookism.info

Rauchsport (Text über Rauchen in der linken Szene)
www.rauchsport.blogsport.de

Unterstützer_innengruppe DEFMA (Wien)
www.defma.blogsport.de

Wer »a« sagt, muss nicht »b« sagen – Blog über Asexualität
www.asexyqueer.blogsport.de

»[Ich schreibe], weil ich die Kraft meiner Revolte und von mir selbst am Leben erhalten muss. […] Ich schreibe, um festzuhalten, was andere ausradieren, wenn ich spreche, um die Geschichten neu zu schreiben, die andere falsch über mich, über Dich geschrieben haben. Ich schreibe, um vertrauter mit mir selbst und mit Dir zu werden. Um mich selbst zu entdecken, um mich selbst zu bewahren, um mich selbst herzustellen, um Autonomie zu erreichen. […] Um mich selbst davon zu überzeugen, dass ich wertvoll bin und dass das, was ich zu sagen habe, kein Haufen Scheiße ist.«

»[I write] because I must keep the spirit of my revolt and myself alive. […] I write to record what others erase when I speak, to rewrite the stories that others have miswritten about me, about you. I write to become more intimate with myself and you. To discover myself, to preserve myself, to make myself, to achieve self-autonomy. […] To convince myself that I am worthy and that what I have to say is not a pile of shit.«

Gloria Anzaldúa

  1. Wir benutzen das Wort ›Cis-Sexismus‹ als Alternative zum etablierten Begriff ›Trans*phobie‹, weil wir es falsch finden, Hass und Gewalt gegen Trans*menschen als ›Phobie‹ zu bezeichnen. Mehr dazu schreiben wir im Abschnitt »Barrierefreiheit, Ableismus & Pathologisierungen«. [zurück]
  2. Mit ›Sexismus‹ meinen wir die verschiedensten Formen von Sexismus, zum Beispiel Hetero-Sexismus (Diskriminierung von nicht-hetero lebenden Menschen), Cis-Sexismus (Diskriminierung von Trans*menschen), Mono-Sexismus (Diskriminierung von bi-a_sexuellen Menschen). [zurück]
  3. ›Cis‹ bedeutet, dass Personen sich mit dem Geschlecht identifizieren, dass ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Der Begriff wurde von Trans*menschen eingeführt, damit trans* nicht immer als Abweichung von einer vermeintlichen Norm dargestellt wird. [zurück]
  4. Der Grundgedanke der Definitionsmacht ist, dass nur die Person, die von einem Übergriff betroffen ist, definieren kann, dass eine Grenzverletzung stattgefunden hat. Außerdem soll die betroffene Person darin unterstützt werden, auf ihre eigene Art mit dem Übergriff umzugehen. Nichts soll ohne Einbeziehung oder gar gegen den Willen der Betroffenen getan werden. Ziel ist nicht die ›Bestrafung‹ der Person, die den Übergriff begangen hat. Der Fokus ist der Schutz der betroffenen Person, damit sie_er sich (wieder) sicher fühlen kann. [zurück]
  5. Beispiele: Fokussierung auf die übergriffige Person; Interventionen ohne Absprache mit den Betroffenen; mackriges Verhalten von Cismännern gegenüber der übergriffigen Person zur antisexistischen Selbst-darstellung. [zurück]
  6. Das Gender_Gap (zum Beispiel bei Aktivist_innen) soll Platz schaffen für alle Menschen, die nicht in das System der Zweischlechtlichkeit hineinpassen, zum Beispiel Inter*- und Trans*menschen. [zurück]
  7. Das Sternchen bei »Frauen*« und »Männer*« soll auf die Existenz von verschiedenen Identitätskonzepten von Weiblichkeit und Männlichkeit hinweisen, zum Beispiel trans* und cis oder hetero und lesbisch. [zurück]
  8. hebräisch הַשּׁוֹאָה, ha‘Shoah ›das Unheil‹ oder ›die Katastrophe‹. Jüdische Bezeichnung für die Vernichtung der Jüdinnen_Juden durch die Nazis und ihre Kollaborateur_innen. [zurück]
  9. Die Schreibweise »Womyn« statt »Women« (englisch für »Frauen*«) wurde von feministischen Frauen* eingeführt, um zu verdeutlichen, dass »Women« nicht von »Men« (englisch für »Männer*«) abgeleitet werden soll. [zurück]
  10. »People of Color« ist eine Selbstbezeichnung von Menschen, die von Rassismus betroffen sind. [zurück]
  11. Ableismus ist die Diskriminierung von Behinderten. Der Begriff beinhaltet, dass Menschen nicht behindert sind, sondern durch die Gesellschaft behindert werden. [zurück]
  12. Zum Beispiel »Cis-Sexismus« statt »Trans*phobie« oder »Hetero-Sexismus« statt »Homophobie«. [zurück]
  13. Pathologisierung bedeutet, dass Verhalten von Menschen als ›unnormal‹ angesehen und als ›krank‹ bezeichnet wird. [zurück]
  14. Diagnosekatalog der Weltgesundheitsorganisation. [zurück]
  15. Diagnostisches Handbuch der American Psychiatric Association. [zurück]
  16. Dazu sagt die Kampagne Stop Trans Pathologization: »Um die öffentliche Deckung einer trans-spezifischen Gesundheitsversorgung zu erleichtern, schlägt die Kampagne Stop Trans Pathologization die Einführung einer nicht pathologisierenden Nennung in der ICD-11 vor.« [zurück]
  17. Menschen, die sich von anderen Menschen nicht sexuell angezogen fühlen. [zurück]