Jüdischer Widerstand gegen Nationalsozialismus und deutsche Besatzung

28 Seiten

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Inhalt

Einleitung
Anmerkungen & Begriffserklärungen
Widerstand im Ghetto Vilnius
Widerstand im Ghetto Białystok
Aufstand im Warschauer Ghetto
Aufstand im Vernichtungslager Sobibór
Die Bielski-Partisan_innen
Schlusswort
Empfehlungen
Abkürzungsverzeichnis & Glossar

Einleitung

Diese Broschüre basiert auf dem gleichnamigen Vortrag, den wir seit 2013 in unregelmäßigen Abständen halten. Der Vortrag und die Broschüre entstanden aus dem Wunsch heraus, dem Mythos entgegenzuwirken, die Jüdinnen_Juden hätten sich während der Shoah von den Nazis und ihren Helfer_innen widerstandslos ermorden lassen. Diese Annahme ist auch in der Radikalen Linken immer noch verbreitet. Sie beruht entweder auf Unwissen oder – was wahrscheinlicher ist – auf Ignoranz, Nicht-Wissen-Wollen oder antisemitischen Vorurteilen. Mit dieser Broschüre hoffen wir, dem etwas entgegensetzen zu können. Wir möchten anhand von Beispielen aufzeigen, dass sich Jüdinnen_Juden in nahezu allen Ghettos und Lagern gegen ihre drohende Vernichtung zur Wehr setzen. Gleichzeitig finden wir es wichtig, darauf hinzuweisen, dass ein ›ehrenvoller‹ Tod im Kampf nicht mehr oder weniger wert ist als der Tod derjenigen, die sich – aus den verschiedensten Gründen – nicht wehren konnten oder wollten. Dazu möchten wir Marek Edelmann, Kommandeur des Aufstandes im Warschauer Ghetto, zitieren: »Diese Menschen gingen ruhig und würdevoll. Es ist schrecklich, wenn man so ruhig in den Tod geht. Das ist wesentlich schwieriger als zu schießen. Es ist ja viel leichter, schießend zu sterben, es war für uns viel leichter zu sterben, als für einen Menschen, der auf den Waggon zugeht und dann im Waggon fährt und dann eine Grube für sich gräbt und sich dann nackt auszieht… Verstehst du das jetzt?«

In der Broschüre geht es vor allem um Orte, die im heutigen Polen und Litauen liegen, weil sich dort die meisten Ghettos und Vernichtungslager befanden. Wir möchten betonen, dass wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder ›Objektivität‹ erheben. Diese Broschüre ist eine von vielen möglichen Erzählungen. Wir finden es wichtig, (auch) aus nicht-jüdischer Perspektive an die Shoah zu erinnern. Denn wir sind davon überzeugt, dass die Erinnerung unabdingbar ist, um zu verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt. Sie stellt deshalb einen wichtigen Beitrag dar für eine Welt ohne Antisemitismus.

Anmerkungen & Begriffserklärungen

Shoah ist die jüdische Bezeichnung für die systematische Vernichtung der Jüdinnen_Juden durch die Nazis und ihre Kollaborateur_innen.

Nicht alle Menschen, die von den Nazis als »jüdisch« verfolgt wurden, verstanden sich selbst als Jüdinnen_Juden. Beispielsweise kämpften viele säkulare Kämpfer_innen der FTP-MOI (bewaffnete Résistance-Organisation der Kommunistischen Partei Frankreichs, die zum großen Teil aus Immigrant_innen bestand, viele davon Jüdinnen_Juden) in erster Linie als Kommunist_innen gegen die deutsche Besatzung und begriffen ihren Widerstand nicht vorrangig als jüdischen Widerstand.

Wir vertreten ein breites Verständnis von Widerstand. Das Verstecken von Jüdinnen_Juden ist für uns genau so Widerstand, wie einen deutschen Militärzug in die Luft zu sprengen. Oft wird die Trennung in ›aktiven‹ und ›passiven‹ Widerstand vorgenommen. Wir finden diese Trennung falsch, da alle Formen des Widerstandes ihre Berechtigung hatten und weil der ›aktive‹ Widerstand (zum Beispiel bewaffnete Angriffe auf deutsche Besatzungstruppen) niemals möglich gewesen wäre ohne den ›passiven‹ Widerstand (zum Beispiel Beschaffung von falschen Papieren und Waffen).

Mit dem Unterstrich (zum Beispiel: Kommunist_innen) wollen wir Platz schaffen für alle Menschen, deren Geschlechtsidentität weder »Frau« noch »Mann« ist. Wir denken dabei vor allem an intergeschlechtliche Menschen und Transpersonen.

Diese Broschüre kann gerne ausgedruckt werden ohne uns vorher zu fragen. Wir freuen uns sehr, wenn die Broschüre selbstständig verbreitet wird, zum Beispiel durch Verteilen an Freund_innen oder Auslegen in der Schule.

Für Feedback, Kritik, Anmerkungen und Fragen zu dieser Broschüre schreibt eine E-Mail.

Widerstand im Ghetto Vilnius

Im Jahr 1961 musste sich Adolf Eichmann vor einem israelischen Gericht für die Organisierung des Massenmordes an den Jüdinnen_Juden verantworten. Der Prozess war nicht nur in Israel ein wichtiger Schritt zur Aufarbeitung der Shoah. Viele Überlebende sagten dort als Zeug_innen aus und berichteten über ihre Erlebnisse in den Konzentrations- und Vernichtungslagern und Ghettos. Unter den Zeug_innen befand sich auch Abba Kovner, ehemaliger Kommandeur der Vereinigten Partisan_innen-Organisation (jiddisch: Fareinikte Partisaner Organisatzije – FPO).


Abba Kovner beim Eichmann-Prozess (1961)

Zu der Zeit fragten sich in Israel viele Menschen, warum es kaum Widerstand gegen die Vernichtungspolitik der Deutschen gab. Abba Kovner protestierte gegen diese Frage und verlas im Gerichtssaal das erste Flugblatt der FPO, das in Vilnius veröffentlicht wurde. Darin heißt es: »Es ist wahr, wir sind schwach und hilflos, aber die einzige Antwort an den Feind lautet: Widerstand! […] Lieber als freie Kämpfer fallen, als von der Gnade der Mörder leben. Widerstand leisten! Widerstand bis zum letzten Atemzug!«

Bis heute steht die Frage im Raum: »Warum haben sich die Jüdinnen_Juden nicht gewehrt?« Diese Frage enthält – vor allem in Deutschland, dem Land der Täter_innen und ihrer Nachfahren – einen Vorwurf und unterstellt den Opfern eine Mitschuld an ihrer Ermordung. Wir sind der Meinung, dass die Frage falsch gestellt ist. Wir sollten uns eher fragen: »Wie konnten Jüdinnen_Juden unter den unvorstellbaren Bedingungen des Nazi-Terrors überhaupt Widerstand leisten?« So ähnlich formuliert es auch Chaika Grossman, Partisanin aus Białystok: »Wenn ich heute darüber nachdenke, frage ich mich, wie es möglich war, dass die Juden, in die Ghettos gesperrt, hungrig, ohne Waffen, ohne Kontakt zur Außenwelt, wie diese Menschen überhaupt kämpfen konnten. […] Über welche Bevölkerung sprechen wir? Über Zivilbevölkerung. Und unter welchen Bedingungen!«

Die Bedingungen in den Ghettos waren katastrophal: von der Außenwelt isoliert; Arbeitszwang; ständiger Hunger durch Unterernährung; willkürlicher Terror durch die Deutschen; kaum Zugang zu Waffen. Hinzu kamen ideologische Differenzen innerhalb der Ghetto-Bevölkerung, die oft erst kurz vor der vollständigen Vernichtung des Ghettos beigelegt wurden. Zudem war ein planmäßiger und industrieller Massenmord für viele schlicht nicht vorstellbar. Es kam vor, dass Zeug_innen von Massakern oder Entflohenen aus dem KZ nicht geglaubt wurde, wenn sie von Massenerschießungen und Vergasungen erzählten. Viele Kämpfer_innen schlossen sich erst nach der Deportation ihrer Familien dem Widerstand an, da sie Angst vor Vergeltungsaktionen an Familienmitgliedern hatten. Den Verfolgten vorzuwerfen, sie hätten sich nicht gewehrt, ist vor diesem Hintergrund mehr als zynisch. Widerstand leisten zu können war ein Privileg, dass nur die wenigsten besaßen. Im Untergrund waren vor allem Menschen aktiv, die bereits vor Kriegsbeginn organisiert waren, als Kommunist_innen, Pfadfinder_innen und Zionist_innen. Beispielhaft dafür steht Vitka Kempner. In Vilnius schloss sie sich in den 1930er Jahren der linkszionistischen Pfadfinder_innen-Bewegung HaShomer Hazair (Der junge Wächter) an. Der HaShomer Hazair spielte – nicht nur in Vilnius – eine wichtige Rolle bei der Organisierung des Widerstandes. Denn in der Zeit der sowjetischen Besatzung von Vilnius wurde der HaShomer Hazair verboten und die Pfadfinder_innen mussten sich illegal organisieren. Sie hatten also Erfahrung mit klandestiner Untergrundarbeit.

Am 21. Januar 1943 wurde die FPO als Zusammenschluss von kommunistischen und zionistischen Gruppen im Ghetto gegründet. Die FPO führte Sabotageakte durch und bereitete sich auf einen Aufstand im Ghetto vor. Gleichzeitig organisierte sie die Flucht in die Wälder. Dem vorangegangen waren teils heftige Diskussionen, wie sie in fast allen Ghettos geführt wurden. Es ging um die Frage »Ghetto oder Wald?« Die Befürworter_innen des Aufstandes sahen den Kampf im Ghetto als Möglichkeit, würdevoll in den Tod zu gehen und ein Zeichen des Widerstandes zu setzen, das andere inspirieren würde, sich ebenfalls zu wehren. Die Gegner_innen dieser Ansicht waren davon überzeugt, dass ein Aufstand innerhalb des Ghettos unweigerlich zum Tod der gesamten Ghetto-Bevölkerung führen würde und schlugen vor, sich den Partisan_innen anzuschließen und so gegen die Deutschen und ihre Helfer_innen zu kämpfen. Beide Seiten steckten in einem Dilemma: einerseits gab es den Wille zum Widerstand, andererseits die Angst vor kollektiver Bestrafung der Ghetto-Bevölkerung. Deshalb fanden die Aufstände meistens erst dann statt, wenn sicher war, dass die Deutschen das gesamte Ghetto vernichten würden. Häufig wurde in der Frage »Ghetto oder Wald?« ein Kompromiss gefunden: Durch die Beschaffung und Herstellung von Waffen sowie den Aufbau von Kommandostrukturen wurde ein Aufstand im Ghetto organisiert. Gleichzeitig wurden Vorbereitungen für eine Flucht in den Wald getroffen. Sollte das Ghetto kurz vor der Vernichtung stehen, würde der Aufstand beginnen. Alle Überlebenden würden in den Wald fliehen und sich den Partisan_innen anschließen. In einigen Ghettos wurde zudem versucht, eine Massenflucht der Bevölkerung zu ermöglichen. Dies scheiterte jedoch häufig daran, dass die Menschen durch die katastrophalen Bedingungen im Ghetto zu große Angst oder keine Kraft hatten, sich in Form eines Massenausbruchs gegen die Vernichtungspolitik aufzulehnen.


Kämpfer_innen der FPO nach der Befreiung von Vilnius (Juli 1944)

Im September 1943 wurde ein Aufstand im Ghetto Vilnius blutig niedergeschlagen. Vielen Hundert Kämpfer_innen gelang jedoch die Flucht in die Wälder. Vitka Kempner führte Menschen durch die Kanalisation zu den Partisan_innen. Bereits vor dem Aufstand spielte Vitka Kempner eine wichtige Rolle im Widerstand. Sie führte die erste Sabotageaktion der FPO durch, indem sie 1942 einen deutschen Militärzug in die Luft sprengte. Hirsh Glik, auch ein FPO-Kämpfer, schrieb über diese Aktion das bekannte jiddische Lied »Still die Nacht« (jiddisch: Shtil di nakht). Außerdem verfasste er das Lied »Sag nie Du gehst den letzten Weg« (jiddisch: Zog nit keynmol az Du geyst dem letzten weg), welches sich schnell zur Hymne des jüdischen Widerstandes entwickelte und in vielen Ghettos gesungen wurde.


Partisaninnen aus Vilnius. Vitka Kempner, Roza Korczak, Zelda Treger (von links nach rechts)

In einem Interview erzählt Vitka Kempner, dass in ihrer Gruppe bei den Partisan_innen viele Frauen dabei waren. Sie führt dies darauf zurück, dass die kämpfenden Männer bereits früh getötet worden waren und die Frauen ihre Positionen eingenommen hatten. Außerdem erzählt sie vom Antisemitismus, der auch bei den Partisan_innen vorhanden war. So wurde ihre Einheit, eine jüdische Brigade, von nicht-jüdischen Partisan_innen einer anderen Einheit angegriffen und entwaffnet. Erst als sie den Vorfall dem Kommandeur der nicht-jüdischen Einheit – der geheim hielt, dass er Jude war – meldete, bekamen sie ihre Waffen zurück. Es gibt auch Berichte davon, dass Jüdinnen_Juden von antisemitischen Partisan_innen getötet wurden. Bei den Partisan_innen waren jüdische Frauen doppelt benachteiligt: als Jüdinnen und als Frauen. Sie mussten sich die Anerkennung oft hart erkämpfen. Auch nach der Befreiung wurden ihre Taten nur selten gewürdigt. Mehr zu diesem Thema findet sich in unserer Broschüre »›Ich bin nie aus Auschwitz befreit worden.‹ Perspektiven jüdischer Partisaninnen zum Tag der Befreiung«.

Widerstand im Ghetto Białystok

Am 16. August 1943 umstellten SS, deutsche Polizei und ukrainische Kollaborateur_innen das Ghetto von Białystok, um die Bewohner_innen in die Vernichtungslager zu deportieren. Zum Zeitpunkt der Vernichtung des Ghettos war knapp die Hälfte der Bevölkerung Białystoks jüdisch. Vor dem Krieg blühte dort die jüdische Kultur. In den meisten polnischen Städten war die Situation ähnlich. Nach der Shoah ist davon so gut wie nichts übrig geblieben. Wie in allen Ghettos gab es auch in Białystok eine Untergrundorganisation, die einen Aufstand plante. Chaika Grossman war an den Vorbereitungen beteiligt, indem sie als Verbindungsfrau arbeitete. Verbindungsfrauen gab es in jeder Stadt mit einem Ghetto. Sie lebten und arbeiteten als ›Polinnen‹ getarnt mit einer falschen Identität auf der ›arischen Seite‹ der Stadt. Um nicht aufzufallen, mussten sie einer geregelten Arbeit nachgehen und ein unauffälliges Leben führen. Die Arbeit für den Widerstand mussten sie sozusagen nach Feierabend erledigen. Sie hielten den Kontakt zwischen den verschiedenen Ghettos aufrecht und kümmerten sich um eine Verbindung zu den Partisan_innen. Zwar übernahmen anfangs auch einige Männer diese Aufgabe, doch in der Regel machten Frauen diese äußerst wichtige Arbeit. Dies lag zum einen daran, dass die Deutschen ihnen eine Beteiligung am Widerstand weniger zumuteten, als den Männern. Zum anderen ließen sich die deutschen Soldaten leicht von den Frauen einwickeln. (So kam es beispielsweise vor, dass deutsche Soldaten den Verbindungsfrauen beim Tragen von Koffern halfen, die voller Waffen für Anschläge gegen Deutsche waren. In einem Fall hob ein deutscher Soldat in einer Straßenbahn den Koffer einer Verbindungsfrau auf die Ablage. Er fragte, was denn in dem schweren Koffer drin sei und tippte auf Schinken. Die Verbindungsfrau antworte wahrheitsgemäß, der Koffer sei voll mit Waffen, worauf das ganze Abteil in Gelächter ausbrach.) Der wichtigste Grund wird aber gewesen sein, dass jüdische Männer leicht daran zu erkennen waren, dass sie beschnitten waren. Dies war bei den im Verlauf des Krieges immer strengeren Kontrollen ein zu großes Risiko.

Ohne die Arbeit der Verbindungsfrauen wäre der Widerstand nicht möglich gewesen. Sie stellten Kontakte her; sie besorgten Waffen und schmuggelten sie ins Ghetto; sie organisierten die Flucht in die Wälder; sie transportieren Waffen zu Orten, an denen Anschläge auf die deutschen Besatzer_innen verübt wurden und brachten die Waffen danach zurück in die Verstecke; kurz: sie stellten die Infrastruktur des Widerstandes her. Ihre Arbeit wurde und wird häufig kaum gewürdigt und oft sogar ›vergessen‹. Das ist nicht nur vor dem Hintergrund der Wichtigkeit dieser Arbeit erschreckend, sondern auch im Hinblick auf die Bedingungen, unter denen die Frauen im Untergrund arbeiteten. Sie lebten isoliert und mit der ständigen Angst entdeckt zu werden. Denn viele antisemitische Pol_innen kollabierten mit den Nazis. Sie erpressten und denunzierten Menschen, von denen sie wussten oder annahmen, sie seien versteckt lebende Jüdinnen_Juden. Die meisten Pol_innen waren nicht so leicht zu täuschen wie die Deutschen, denn sie lebten seit Generationen mit Jüdinnen_Juden zusammen. Ein ›jüdischer Seufzer‹ (der Laut »Oy« war zu der Zeit in Polen ›typisch jüdisch‹) reichte zum Beispiel für eine Denunzierung. Es gab aber auch viele Pol_innen, die Jüdinnen_Juden halfen und den Widerstand unterstützen. Unter diesen Bedingungen im Untergrund erlebten manche Verbindungsfrauen einen Aufenthalt im Ghetto als geradezu erholsam, weil sie sich dort nicht verstellen mussten und für ein paar Stunden Gleiche unter Gleichen sein konnten.


Chaika Grossman nach der Befreiung in London

Aufstand im Warschauer Ghetto

Eine der wohl bedeutendsten Aktionen des jüdischen Widerstandes war und ist der Aufstand im Warschauer Ghetto. Er hatte Signalwirkung und ermutigte Menschen in den Ghettos und Vernichtungslagern zum Widerstand. Das Ziel war – wie viele Kämpfer_innen betonen – nicht das eigene Überleben, sondern ein ehrenvoller Tod im Kampf und die Bewahrung der jüdischen Würde. Keine der am Aufstand beteiligten Personen hatte damit gerechnet, das Ghetto lebend zu verlassen. Marek Edelman, späterer Kommandeur des Aufstandes, sagte dazu: »Es ging darum, sich nicht abschlachten zu lassen, wenn sie kamen, uns zu holen. Es ging nur um die Art zu sterben.« Doch auch aus dem Ghetto in Warschau gelang einigen Kämpfer_innen die Flucht in die Wälder.


Marek Edelman (1945/46)

Das Warschauer Ghetto wurde im November 1940 errichtet und war das größte Ghetto Polens. Zwischenzeitlich lebten dort etwa 500.000 Menschen, und das bei einer Gesamtbevölkerung Warschaus von ungefähr 1,3 Millionen Einwohner_innen. Die Zustände im Ghetto waren so katastrophal, dass Anfang 1943 nur noch etwa 40.000 Menschen dort lebten. Viele starben aufgrund von Hunger, Kälte, Seuchen oder durch die unmittelbare Gewalt der SS. Die Bewohner_innen des Ghettos wurden zur Arbeit gezwungen, auch in Betrieben, die für das deutsche Militär produzierten.

Im Februar 1942 gelangten Berichte ins Ghetto über Vergasungen von Jüdinnen_Juden sowie Rom_nja und Sinti_ze in Chełmo. Wie in vielen anderen Ghettos glaubte die Mehrheit der Bevölkerung nicht an diese Berichte. Lediglich die im Untergrund organisierten Kämpfer_innen schenkten den Berichten Beachtung. Sie wollten nicht kampflos in den Tod gehen und beschlossen, die Menschen im Ghetto über die Ermordungen zu informieren. In seinem Buch »Das Ghetto kämpft« erzählt Marek Edelman, dass ein Bericht über die Verbrechen in Chełmo ins Ausland geschickt wurde. Ein Vertreter des Londoner Nationalrates verlas den Bericht im Radio, aber eine Reaktion darauf blieb aus. Dem Bericht über Chełmo sollten noch viele weitere folgen, doch egal wie oft über Vergasungen und Massenerschießungen berichtet wurde, die Ghetto-Bevölkerung konnte oder wollte nicht daran glauben und auch der Rest der Welt hüllte sich in Schweigen. Mitte 1942 wurde die Jüdische Kampforganisation (polnisch: Żydowska Organizacja Bojowa, kurz ŻOB) gegründet. Anfangs führte sie Vergeltungsaktionen gegen die jüdische Polizei durch, die von den Kämpfer_innen als Kollaborateur_innen angesehen wurde. Mit den immer häufiger stattfindenden Verschleppungen in die Vernichtungslager verschob sich der Fokus jedoch auf die Vorbereitung eines bewaffneten Aufstandes im Ghetto. Dazu wurden Kampfgruppen gebildet sowie Waffen ins Ghetto geschmuggelt und auch selbst hergestellt, zum Beispiel mit Säure gefüllte Glühbirnen oder Molotovcocktails. Erste bewaffnete Kämpfe gab es bereits im Januar 1943, als sich vier Kampfgruppen der ŻOB in einem Straßenkampf gegen eine Liquidierungsaktion der Deutschen wehrten. Dabei wurden mehrere Kämpfer_innen getötet. Die Deutschen waren so überrascht von dem Widerstand, dass sie ihre Aktion abbrechen mussten. Dieser erste bewaffnete Widerstand gegen die Deutschen machte den Kämpfer_innen Mut. Denn sie zeigte, dass es möglich war, gegen die Vernichtungspolitik der Deutschen Widerstand zu leisten. Es folgten weitere bewaffnete Aktionen des Widerstandes, auch gegen jüdische Gestapo-Agent_innen. Diese Aktionen waren stets begleitet von Propagandaaktionen der ŻOB in Form von Aufrufen, die an Häuserwände und Ghettomauern plakatiert wurden.

Am 19. April 1943 umstellten deutsche Truppen und polnische Kollaborateur_innen das Ghetto, um die verbliebenen Gefangenen in die Vernichtungslager zu deportieren. Die ŻOB war darauf vorbereitet und die Kämpfer_innen postierten sich in ihren Kampfstellungen. Als gegen 7 Uhr morgens SS-Einheiten in das Ghetto einmarschierten, eröffneten die Kämpfer_innen das Feuer und warfen selbst gebaute Granaten auf die Deutschen. Die deutschen Truppen mussten sich daraufhin unter großen Verlusten zurückziehen. Auch an anderen Stellen stießen die Deutschen auf starke Gegenwehr und erlitten zahlreiche Verluste. Gegen 14 Uhr hatten sich alle Deutschen aus dem gesamten Ghetto zurückgezogen. Knapp 24 Stunden später marschierten die deutschen Truppen erneut in das Ghetto ein. An einem Tor ins Ghetto wurde eine Mine gezündet, die über 100 SS-Männer tötete. Der Rest der Deutschen musste sich zurückziehen. Der erbitterte Widerstand der ŻOB hielt mehrere Wochen an. Die Deutschen waren aber letztlich militärisch überlegen. So wurde am 8. Mai die Zentrale der ŻOB von den Deutschen eingenommen. Die meisten Kämpfer_innen wurden getötet oder gefangen genommen und in die Vernichtungslager deportiert.

Einzelne Kampfgruppen leisteten noch bis Juni Widerstand. Die wenigen Überlebenden entkamen durch die Kanalisation aus dem Ghetto. Warum die Kämpfer_innen trotz der Übermacht des Feindes kämpften, sagte Marek Edelman in einem Interview: »Es war Krieg, da sagt die ganze Welt, dass man schießen muss, um Mensch zu sein, also haben wir geschossen, denn wir waren Menschen.«

Aufstand im Vernichtungslager Sobibór

Das Vernichtungslager Sobibór war Teil der so genannten »Aktion Reinhard«. Hinter diesem Decknamen verbarg sich der Plan zur systematischen Vernichtung aller Jüdinnen_Juden im »Generalgouvernement«, also den von Deutschland besetzten Gebieten, die heute in Polen und der Ukraine liegen. Der Plan sah auch die systematische Ermordung aller Rom_nja und Sinti_ze in diesem Gebiet vor. In den Vernichtungslagern Bełżec, Treblinka und Sobibór wurden im Rahmen der »Aktion Reinhard« zwischen Juli 1942 und Oktober 1943 über zwei Millionen Jüdinnen_Juden sowie rund 50.000 Rom_nja und Sinti_ze ermordet. Sobibór war eine »Todesfabrik«, der einzige Zweck die Ermordung von Menschen. Etwa 250.000 Menschen wurden dort vergast. Die Deutschen machten sich aber nicht selbst die Hände schmutzig. Einige Gefangene wurden gezwungen, im Sonderkommando zu arbeiten. Sie mussten die im Lager eintreffenden Menschen in die Gaskammern treiben und ihre Wertsachen sortieren. Nach wenigen Monaten wurden alle im Sonderkommando Arbeitenden selbst ermordet und durch neu ankommende Gefangene ersetzt.

Wie in allen Vernichtungs- und Konzentrationslagern der Deutschen waren auch in Sobibór Terror und Folter an der Tagesordnung. Dazu gehörte auch sexualisierte Gewalt gegenüber jüdischen Frauen. Oft hieß und heißt es, es habe keine Vergewaltigungen von jüdischen Frauen durch deutsche Männer gegeben. Denn dies sei ja so genannte »Rassenschande« gewesen und war gesetzlich verboten. Doch diese Behauptung ist falsch. Thomas Blatt, der Sobibór überlebte, berichtet in seinem Buch »Sobibór – der vergessene Aufstand« von regelmäßigen Vergewaltigungen jüdischer Frauen durch deutsche SS-Offiziere.

Im Sommer 1943 hatten einige Gefangene im Lager III damit begonnen, einen Tunnel zur Flucht zu graben. Dieser wurde jedoch entdeckt, worauf die SS alle Gefangenen des Lagers III erschoss. Etwa zur gleichen Zeit erfuhren die Gefangenen in Sobibór von der deutschen Niederlage in Stalingrad. Außerdem hatten sie Kenntnis vom Aufstand im Warschauer Ghetto erhalten. Die Nachricht vom Aufstand bestärkte sie in ihren bereits bestehenden Plänen für einen Aufstand mit anschließender Flucht. Alle Gefangenen, die in Sobibór zur Arbeit gezwungen wurden, wussten, dass auch sie früher oder später ermordet werden würden. Aufstand und Flucht waren also ihre einzige Chance zu überleben. Zur Realisierung eines Aufstandes fehlte es den Verschwörer_innen an militärischer Erfahrung. Ironischerweise sorgten die Deutschen unwissend selbst dafür, dass das fehlende militärische Wissen ins Lager gelangte. Denn im September 1943 wurden 80 jüdische Kriegsgefangene der Roten Armee nach Sobibór deportiert und zur Zwangsarbeit im Lager selektiert. Die Rotarmisten verfügten über militärisches Wissen und wurden durch Leon Feldhendler, den Anführer der Widerstandsgruppe, in die Planungen einbezogen. Der Aufstand sollte damit beginnen, so viele Deutsche wie möglich unbemerkt zu töten, um dann den offenen Aufstand gefolgt von einer Massenflucht zu wagen.

Der erste Teil des Plans funktionierte ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Am 14. Oktober 1943 wurden die deutschen Bewacher unter Vorwänden (zum Beispiel die Anprobe einer Lederjacke) in die Werkstätten bestellt, die es im Lager gab. Dort wurden sie mit Äxten oder anderen Waffen umgebracht und versteckt. Ein Deutscher wurde auch in seinem Büro getötet. Entscheidend für das Gelingen der ersten Phase war die Pünktlichkeit der Deutschen. Yehuda Lerner, Überlebender des Aufstandes, erzählt in einem Interview mit Claude Lanzmann, dass er gemeinsam mit einem Kameraden zwei Deutsche in der selben Werkstatt umbrachte. Der erste Deutsche kam um 16:00 Uhr, der zweite um 16:05 Uhr. Der Plan wäre sehr wahrscheinlich gescheitert, hätten die Deutschen ihre Termine nicht pünktlich eingehalten. Insgesamt wurden in dieser Phase des Aufstandes zwölf SS-Männer getötet. Außerdem wurde die Telefonverbindung unterbrochen, um zu verhindern, dass Verstärkung gerufen wird.

Als der tote Deutsche in seinem Büro entdeckt wurde, schoss ein SS-Mann auf einen Gefangenen. Dies geschah, als die Gefangenen zum täglichen Appell angetreten waren. Alexander »Sasha« Pechersky, ein jüdischer Offizier der Roten Armee, stieg auf einen Tisch und sprach zu seinen Mitgefangenen. Er sagte ihnen, dass die meisten Deutschen im Lager getötet worden waren und es keinen Weg zurück mehr gebe. Mehrmals sagte er, dass alle Überlebenden vor der Welt Zeugnis ablegen sollten über die Verbrechen, die in Sobibór begangen wurden. Daraufhin teilten sich die Gefangenen in zwei Gruppen. Eine Gruppe versuchte durch das Haupttor zu entkommen, doch die ukrainischen Wachmannschaften schossen auf die Fliehenden und viele starben im Kugelhagel. Eine kleinere Gruppe versuchte mit Äxten und Schaufeln den Stacheldraht zu durchtrennen und durch das Werfen von Gegenständen die um das Lager herum platzierten Minen zur Explosion zu bringen.

Viele der ungefähr 300 Fliehenden starben durch die Explosionen der Minen, etwa 200 von ihnen erreichten den Waldrand. Die Gefangenen, die nicht fliehen konnten oder wollten, wurden von der SS ermordet. SS und ukrainische Wachmannschaften verfolgten die Fliehenden und töteten 100 von ihnen. Die Überlebenden schlossen sich den Partisan_innen an oder versteckten sich. Nach dem Aufstand wurde das Lager aufgelöst. Durch die Errichtung eines unscheinbaren Bauernhofes und das Pflanzen von Bäumen versuchten die Nazis die Verbrechen zu vertuschen, die sie in Sobibór begangen hatten.


Alexander »Sasha« Pechersky (um 1940)

Die Bielski-Partisan_innen

Im Juni 1941 wurde die Familie Bielski ins Ghetto von Nowogródek (im heutigen Weißrussland) verschleppt. Nachdem die Deutschen im Jahr 1941 in einem Massaker an 3.000 bis 4.000 Jüdinnen_Juden auch die Eltern der Familie ermordeten, flohen die Brüder Tuvia, Zusia, Asael und Aharon in den Naliboki-Wald. Dort bildeten sie eine Partisan_innen-Einheit. Sie befreiten Jüdinnen_Juden aus Ghettos, die sich der Einheit anschlossen. Auch jüdische Geflüchtete fanden ihren Weg in den Wald. Die Einheit wuchs mit der Zeit auf mehr als 1.200 Personen an, von denen viele den Krieg überlebten. Auch viele Kinder und andere unbewaffnete Menschen lebten dort. Dies war sehr ungewöhnlich, da in der Regel keine unbewaffneten Menschen in Partisan_innen-Einheiten geduldet wurden. Doch die Bielski-Brüder wollten so viele Jüdinnen_Juden wie möglich vor dem sicheren Tod retten. Deshalb errichteten sie im Wald ein Gemeinwesen mit einem Krankenhaus, einer Schule, einer Synagoge und vielem mehr. Auch Hochzeiten wurden im Wald gefeiert.


Bielski-Partisan_innen (1940)

Um das Überleben der Gemeinde zu sichern, wurden Bäuerinnen_Bauern enteignet. Außerdem töteten die Partisan_innen Kollaborateur_innen und sabotierten kriegswichtige Eisenbahnlinien. Dabei gab es eine Zusammenarbeit mit sowjetischen Partisan_innen, die aufgrund von antisemitischen Ressentiments bei den nicht-jüdischen Partisan_innen nicht immer leicht war. Nachdem die Rote Armee im Sommer 1944 die deutschen Truppen besiegt hatten, konnten die mehr als 1.200 Menschen den Wald verlassen.


Bielski-Partisan_innen (1944)

Schlusswort

Mit dieser Broschüre wollten wir einen allgemeinen Überblick über jüdischen Widerstand gegen die Shoah vermitteln. Aufgrund der Kürze der Texte kann dieser Überblick nur ein grober sein. Doch selbst in den unzähligen Büchern, die es zum dem Thema gibt, kann der Widerstand nicht in seiner vollen Breite erfasst werden. Vieles ist unentdeckt geblieben und wird es vielleicht für immer bleiben. Denn Aufzeichnungen aus dem Untergrund gibt es aufgrund der konspirativen Arbeitsweise kaum. Und viele von jenen, die selbst am Widerstand beteiligt waren, sind bereits gestorben und können uns nicht mehr von ihrem Kampf berichten. Umso wertvoller sind die Aufzeichnungen, die uns erhalten geblieben sind. Hervorheben möchten wie hier besonders die Berichte, welche von den Kämpfer_innen selbst verfasst wurden.

Wir hoffen, dass diese Broschüre ein Anstoß ist, sich intensiver mit dem Thema zu befassen. Dazu haben wir eine Liste zusammengestellt mit Büchern, Internetseiten und Filmen, die wir allen empfehlen wollen, die mehr wissen möchten über jüdischen Widerstand.

Für Feedback, Kritik, Anmerkungen und Fragen zu dieser Broschüre schreibt eine E-Mail.

Empfehlungen

Bücher

Die Untergrundarmee
von Chaika Grossmann

Mein Weg als Widerstandskämpferin
von Chasia Bornstein-Bielicka

Die Angst kam erst danach.
Jüdische Frauen im Widerstand 1939-1945

von Ingrid Strobl

Sobibór – der vergessene Aufstand
von Thomas »Toivi« Blatt

Das Ghetto kämpft
von Marek Edelman

Internet-Links

Jewish Partisan Educational Foundation
www.jewishpartisans.org

Jewish Women’s Archive
www.jwa.org

Yad Vashem
www.yadvashem.org

Europas Résistance gegen die Nazis
www.schattenkampf.arte.tv

Filme

Shoah (1985)
von Claude Lanzmann

Partisans of Vilna (1986)
von Joshua Waletzky und Aviva Kempner

Mir zeynen do (1992)
von Ingrid Strobl

Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr (2001)
von Claude Lanzmann

Killing Nazis (2013)
von Andreas Kuba

Abkürzungsverzeichnis & Glossar

AK: Armia Krajowa (Heimatarmee); Militärorganisation der polnischen Exilregierung
FPO: Vereinigte Partisan_innen-Organisation (jiddisch: פֿאַראײַניקטע ;)Fareinikte Partisaner Organisatzije/פאַרטיזאַנער אָרגאַניזאַציע Kampforganisation im Ghetto von Vilnius; Zusammenschluss von kommunistischen und zionistischen Gruppen
FTP-MOI: Freischärler_innen und Partisan_innen – Immigrierte Arbeitskräfte (französisch: Francs-tireurs et partisans – main d’œuvre immigrée); bewaffnete Résistance-Organisation der Kommunistischen Partei Frankreichs
HaShomer Hazair: Der junge Wächter (hebräisch: השומר הצעיר); linkszionistische Pfadfinder_innenbewegung
KZ: Konzentrationslager
Shoah: jüdische Bezeichnung für die systematische Vernichtung der Jüdinnen_Juden durch die Nazis und ihre Kollaborateur_innen
SS: Schutzstaffel; paramilitärische Organisation der Nazis; verantwortlich für unzählige Massaker
ŻOB: Jüdische Kampforganisation (polnisch: Żydowska Organizacja Bojowa); Organisation des Widerstandes im Warschauer Ghetto

Wir danken den jüdischen Partisan_innen für ihren Kampf gegen den Nationalsozialismus. Nie wieder Deutschland. Nie wieder Krieg.