Perspektiven jüdischer Partisaninnen zum Tag der Befreiung

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Inhalt

8. Mai: Tag der Befreiung
»Da wurde mir bewusst, dass alle tot waren, dass ich niemanden mehr hatte, dass es keinen Ort mehr für mich gab.«
Der Umgang mit dem Erlebten
Enttäuschungen & Ent-Würdigung
»Man nahm uns unsere Waffen und unseren Kampfgeist.«

8. Mai: Tag der Befreiung

Am 8. Mai 1945 wurde die bedingungslose Kapitulation Deutschlands unterzeichnet. Dieser Tag bedeutete nicht nur das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa, sondern auch die Befreiung vom Nationalsozialismus und das Ende der Shoah (Hebräisch הַשּׁוֹאָה, ha‘Shoah, ›das Unheil‹ oder ›die Katastrophe‹. Jüdische Bezeichnung für die Vernichtung der Jüdinnen_Juden durch die Nazis und ihre Kollaborateur_innen.). Die Kapitulation Deutschlands wurde in allen Ländern gefeiert, die von den Nazis überfallen oder besetzt worden waren.

Auch heute noch ist der 8. Mai in vielen Ländern ein Feiertag, zum Beispiel in Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden (Dort wird am 5. Mai der Bevrijdingsdag (Befreiungstag) gefeiert.) oder in einigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion (Dort wird am 9. Mai der Tag des Sieges begangen.). In der DDR wurde der 8. Mai als Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus bezeichnet. In der BRD war der 8. Mai nie ein Feiertag und ist es bis heute nicht.

Dass die Befreiung vom Nationalsozialismus auch heute noch gefeiert wird, ist ein gutes Zeichen – gegen das Vergessen und gegen aktuelle nationalsozialistische und faschistische Bestrebungen. Doch leider wird ein wichtiger Aspekt dabei oft nicht bedacht: Nicht alle von den Nazis Verfolgten hatten am 8. Mai 1945 etwas zu feiern.

»Da wurde mir bewusst, dass alle tot waren, dass ich niemanden mehr hatte, dass es keinen Ort mehr für mich gab.«

(Zitat aus »Die Angst kam erst danach. Jüdische Frauen im Widerstand 1939-1945« von Ingrid Strobl, Originalausgabe, Seite 390. Alle folgenden Zitate und der Großteil der Informationen sind aus diesem Buch entnommen.)

Dieses Zitat der jüdischen Partisanin Ewa Krakowska macht deutlich, dass der Tag der Befreiung für die meisten Jüdinnen_Juden (Der Unterstrich soll Platz schaffen für alle Menschen, die nicht in das System der Zweigeschlechtlichkeit hineinpassen, zum Beispiel Inter- und Transmenschen.) kein Grund zum Feiern war. Denn es waren vor allem Jüdinnen_Juden, die von den Nazis und ihren Helfer_innen in Konzentrationslager verschleppt, auf der Straße erschlagen und erschossen und in den Gaskammern ermordet wurden. Die Jüdinnen_ Juden, die überlebten, waren oft die einzigen aus ihren Familien, die ›am Leben geblieben‹ waren. Es gab für sie kein Zuhause, in das sie zurückkehren konnten. Denn in ihren Wohnungen und Häusern wohnten jetzt nicht-jüdische Menschen, die dort eingezogen waren, als die Jüdinnen_Juden deportiert wurden. Während die nicht-jüdischen Partisan_innen am Tag der Befreiung vor Freude in die Luft schossen, saß die jüdische Partisanin Chasia Bielicka-Bornstein, auf einem Baumstumpf und kämpfte mit den Tränen, weil sie wusste, dass ihre gesamte Familie ermordet worden war.

Der Umgang mit dem Erlebten

Manche Kämpferinnen hatten sich geschworen, niemals über ihre Erlebnisse während des Krieges zu sprechen. Liza Czapnik, eine jüdische Partisanin, sagt dazu: »Es hätte niemand geglaubt. Oder vielleicht sogar geglaubt, aber nicht verstanden.« Chaika Grossman, ebenfalls eine jüdische Partisanin, empfindet »diese ersten Monate nach der Befreiung von Białystok bis zur Befreiung von Warschau« als »vielleicht die schlimmste Zeit«, denn: »Ich wusste nicht, warum ich noch lebte und wozu.«

Um mit den Schrecken des Krieges und der Shoah leben zu können, retteten manche Partisaninnen sich durch politische Arbeit. Chaika Grossman arbeitete beispielsweise für den Hashomer Hazair (Hebräisch השומר הצעיר, ›Der junge Wächter‹.), eine linkszionistische Jugendbewegung und Chasia Bielicka-Bornstein schmuggelte jüdische Kinder, die in Polen die Shoah überlebt hatten, nach Palästina. Viele Zionistinnen gingen selbst nach Palästina, um dort einen jüdischen Staat aufzubauen. Andere Kämpferinnen holten während des Krieges versteckte Kinder zurück und versuchten, überlebende Familienmitglieder ausfindig zu machen oder kümmerten sich um ehemalige KZ-Häftlinge.

Enttäuschungen & Ent-Würdigung

Viele ehemalige Partisaninnen wurden in verschiedener Hinsicht enttäuscht. Beispielsweise wurde ihre aktive Arbeit im Widerstand nur selten gewürdigt. Das ging teilweise sogar so weit, dass es den Frauen von ihren eigenen männlichen Kameraden und Genossen verboten wurde, auf den Paraden mitzulaufen, die 1945 anlässlich der Befreiung veranstaltet wurden. Begründet wurde dies unter anderem damit, dass es sich für eine Frau angeblich nicht gehöre, eine Kämpferin zu sein. Obwohl die Partisaninnen eindrucksvoll bewiesen hatten, dass sie mindestens genauso mutig und tapfer kämpfen konnten wie die Männer, wurde ihr Kampf nicht anerkannt. Auch wurde und wird oft vergessen, dass der (bewaffnete) Widerstand nicht möglich gewesen wäre ohne die Arbeit der Frauen, die nicht mit der Waffe in der Hand kämpften. Es waren vor allem Frauen, die Waffen für Anschläge auf Deutsche transportierten, die als Kurierinnen die Verbindung zwischen den Ghettos aufrechterhielten und die kämpfenden Einheiten miteinander vernetzten. Denn Frauen konnten sich in der Öffentlichkeit oft unauffälliger bewegen als Männer, weil ihnen eine Beteiligung am Widerstand weniger zugemutet wurde. Diese Ent-Würdigung der Arbeit der Frauen führte nicht selten zu einer Rückkehr in patriarchale Rollen als Hausfrau, Ehegattin und Mutter.

»Man nahm uns unsere Waffen und unseren Kampfgeist.«

Nicht wenige der Partisaninnen waren auch Kommunistinnen. Sie erlebten »die Befreiung als Niederlage des revolutionären Aspektes ihres Kampfes«, wie Ingrid Strobl schreibt. Zwar hatten die Partisan_innen die Länder in denen sie lebten von den Deutschen befreit, doch nach der Befreiung kehrten die konservativen Exilregierungen zurück und übernahmen die Macht. Régine Orfinger sagt dazu: »Nach der Befreiung herrschte große Verbitterung. Die Regierung kam aus London zurück. Man hat uns sehr schnell entwaffnet, da man Angst vor den Kommunisten hatte. Man nahm uns unsere Waffen und unseren Kampfgeist.« Doch auch in den Ländern der Sowjetunion wurden die jüdischen Kommunistinnen bitter enttäuscht. Viele verließen die UdSSR wieder aufgrund antisemitischer Kampagnen. (Erinnert sei hier beispielhaft an die Verfolgungen im Zuge der so genannten »Ärzteverschwörung« im Jahr 1948, bei der Jüdinnen_Juden als »wurzellose Kosmopoliten« beschimpft, verfolgt und hingerichtet wurden.)

Ingrid Strobl schreibt: »Kaum eine der von mir befragten jüdischen Widerstandskämpferinnen ist je wieder das geworden, was man unter einer ›normalen, durchschnittlichen Bürgerin‹ verstehen könnte. Viele leiden noch heute unter den Traumata der Shoa und dem Verlust ihrer Familien.«

In diesem Sinne ist auch das Zitat Sarah Goldbergs auf der Titelseite zu verstehen, welches vollständig lautet: »Man sagt immer wir seien befreit worden. Ich bin nie aus Auschwitz befreit worden.«